Geschickt gestrickt

Strick-Appreciation Day! Strickmuster für Anfänger erklärt

von Lisa | 28.10.2021

Also ich weiß ja nicht wie es Euch geht, aber ich finde Stricken absolut faszinierend. Wahnsinnig unterschätzte Kulturtechnik, die irgendwie als Oma-Kram abgetan wird (do I detect a hint of sexism?). Aber stell Dir mal vor: Aus einem (also 1!) Faden entsteht durch geschicktes Verknoten ein komplettes, dreidimensionales und hochfunktionales Kleidungsstück. Mind blown! Und dann gibt es auch noch ca. hunderttausend Arten, wie man das besonders hübsch und besonders funktional hinbekommt. Also ich finde es ist höchste Zeit, sich das auch als Nicht-Stricker*in mal etwas genauer anzusehen. Welcome to Strick-Appreciation Day!

strickmuster erklärt

Wer hat das Stricken erfunden?

Oder besser: Seit wann wird überhaupt gestrickt? Hier müssen wir ein paar tausend Jahre zurück – die ersten vermuteten Stricksachen (Forschende sind sich uneins) stammen aus römischer Zeit und sind an die 2300 Jahre alt. Die ältesten gesicherten Stricksocken sind ein paar hundert Jahre jünger und stammen aus dem koptischen Ägypten (3.-5. Jahrhundert). Man muss dazu sagen: Wollsocken erhalten sich leider nicht besonders gut, vor allem in unseren Breitengraden – falls zB in Mitteleuropa zu der Zeit auch schon gestrickt wurde, werden wir das nur mit viel Glück erfahren. Auch, wer die Wollsocken jetzt genau gestrickt hat, ob Stricken schon damals Oma-Sache war oder ob römische Legionäre ihre Sachen abends selbst gestrickt haben, werden wir wohl nie herausfinden. Im Verlauf des Mittelalters wird das Bild dann etwas dichter, die Mauren im heutigen Spanien pflegten beispielsweise eine hochentwickelte Strickkunst. Im Hochmittelalter wird Stricken Mainstream - Bildnisse zeigen selbst die heilige Maria beim Stricken. Im 15. und 16. Jahrhundert bilden sich gewerbliche Strickgilden in Europa, unter anderem die „Nürnberger Hosen- und Strumpfstricker“. Holy Needle!

ägyptische socken und strickende madonna
L: Socken + Sandalen = alte ägyptische Kombi. Ägyptische Wollsocken, heute im V&A Museum London; R: Rechtes Retabel des Buxtehuder Altars mit strickender Madonna, heute Hamburger Kunsthalle. Bilder: David Jackson, CC BY-SA 2.0 UK, via Wikimedia Commons; gemeinfrei.

Welche Strickmuster gibt es?

Es gibt eine unendliche Vielfalt an Strickmustern, die aber alle auf demselben Prinzip beruhen. Denn es gibt im Grunde nur rechte und linke Maschen. Werden diese entsprechend angeordnet, vertauscht, ein paar Löcher oder Maschen hinzu und dann wieder weg, entstehen die verschiedenen Strickmuster. Schauen wir uns hier mal die wichtigsten an.

Glattes Strickmuster rechts - links

Absolutes Strick-Basic: Es werden in die eine Richtung nur rechte, auf dem Rückweg nur linke Maschen gestrickt. Das Ergebnis ist ein glattes Gewebe, das sich an den Seiten ein bisschen einrollt. Um das zu vermeiden, setzt man an den Rändern Bündchen an – oder lässt sie weg, wie beim Jan’n June Pulli Sona. Die allermeisten unserer Pullover haben dieses einfache Strickmuster. Mit verschiedenfarbigen Garnen entstehen schöne Effekte - wie beim Effie Fairisle Jumper von People Tree. Das Fairisle Strickmuster ist eine besondere Variante des glatten Stricks.

 Jan 'n June Sona [muddy yellow]  Klitmøller Collective Rosemarie [pastel grey]  People Tree Effie Fairisle Jumper [cream]

Kraus Rechts bzw. Krause Maschen

Beim sogenannten "Kraus Rechts" wird hin und zurück nur rechts gestrickt (wer möchte, kann natürlich auch durchgängig links, we don't judge). Das entstehende Strickmuster bildet keine durchgängige Reihe aus kleinen Strick-Zöpfchen sondern verschränkte Maschen, die eine gleichmäßige aber interessante Perl-Struktur aufweisen. Beispiele sind das Dress Rosemary von Recolution und der Strickpullover Crewneck Lilac vom selben Label.

 Recolution Dress Rosemary [black]  Recolution Dress Rosemary [black]  Recolution Crewneck Lilac [navy/creme]

Bündchen stricken: 2 Rechts, 2 Links

Abwechselnd die gleiche Anzahl (meistens 1-3) rechte und links Maschen gestrickt ergibt das klassische, in die Breite elastische Bündchen. Es bindet ein elastisches Gestricke zusammen und gibt Deinem Pulli oder der Socke Halt und etwas Form. Gute Sache!

 Kuyichi Brooke Knit [pale gold]  Thinking MU Lada Knitted Sweater [green]  Brava Fabrics Back Buttons Sweater [terracotta]

Mit Patentmuster Rippstrick stricken

Okay, jetzt wird’s langsam anspruchsvoller. Beim Patentmuster wird eine Masche ausgelassen und mit etwas Zusatz-Garn unverstrickt auf die Nadel gehoben. Die ausgelassenen Maschen werden erst bei der Rückrunde verstrickt. Je nachdem, welche und wie viele Maschen ausgelassen werden, entstehen unterschiedliche Patentmuster. Gemeinsam haben sie die markanten Rippen aus dicken rechten Maschen. Sieht auf den ersten Blick aus wie glattes rechts – links stricken, geht aber mehr in die Tiefe. Das entstehende Gewebe wird voluminös und wärmend, da mehr Garn pro Quadratmeter Stoff verstrickt wird. Außerdem ist Patentstrick in die Länge und Breite elastisch und sehr weich. Beispiele sind der Decima Strick-Cardigan von KOI, der Troyer Magnolia der Hamburger Fair Fashion Marke Recolution oder der Moscow Sweater von Brava.

 K.O.I. Jeans Decima [Ecru]  Recolution Troyer Magnolia [cinnamon orange]  Brava Fabrics Moscow Cropped Sweater [navy]

Zopfmuster und andere abgefahrene Strickmuster

Als letztes wichtiges Strickmuster noch ein paar Worte zum allseits beliebten Zopfpulli, wie er zB in Form des Field Cable Knit von Knowledge Cotton Apparel oder als Anker von Klitmøller Collective auftaucht. Hierbei wird – je nach Zopf – eine bestimmte Anzahl Maschen verkreuzt. Dazu werden die Zopfmaschen auf einer Hilfsnadel „geparkt“ und erstmal dahinter weitergestrickt. Dann nimmst Du die Zopfmaschen wieder mit und strickst weiter. Klingt komplizierter, als es ist. Je nachdem, wie gut Du zählen kannst und wie viel du parkst, sind mit dieser Technik die abgefahrensten Zopf- und Knotenmuster möglich.

 Klitmøller Collective Anker [black]  Knowledge Cotton Apparel Field Cable Knit [winter white] Les Racines du Ciel Sequoia Cable Mittens [light grey]

An dieser Stelle beenden wir den Exkurs in die Welt der verschiedenen Strickmuster, um die wenigen bis hierhin übrig gebliebenen Leser*innen nicht vollends zu vergraulen. Long Story Short: Stricken kann auf eine lange ehrenvolle Handwerkstradition zurückblicken, braucht nicht wenig Konzentration und einiges an Übung – und dann entstehen wirklich die tollsten Sachen!

 

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Handstricken versus Maschinenstricken

Zwar hat Stricken dank Corona-Lockdown wieder einiges an Beliebtheit gewonnen, dennoch stricken sich die wenigsten von uns regelmäßig Klamotten selbst. Wir greifen auf fertig gestrickte Pullis und Socken aus Maschineller Produktion zurück. Geht einfach schneller und damit günstiger als von Hand, und verzählen tut sich die Maschine auch nicht. Die erste Strickmaschine wurde 1863 patentiert und seitdem wird fröhlich und flink maschinengestrickt, was das Zeug hält. Auch unsere öko-fairen Strickpullover für Damen und Herren werden nicht von freundlichen Omas gestrickt, sondern entstehen zum allergrößten Teil in der Textilfabrik. Einzige, bewundernswerte Ausnahme: Der wunderschöne Nicola Jumper von People Tree mit allerlei Zopf- und Flechtmustern wird in Nepal von Hand gefertigt. Hut ab!

 People Tree Nicola Jumper [cream]  People Tree Nicola Jumper [cream]  People Tree Nicola Jumper [cream]

Strickpullover aus Wolle richtig pflegen

Jetzt, da wir etwas mehr übers Stricken erfahren haben, schaust Du Deinen Strickpulli vielleicht mit etwas anderen Augen an. Deshalb noch ein paar Worte zum Thema Pulli-Pflege, damit Dein Strickpullover möglichst lange schön bleibt. Ein paar Anschaffungen, die sich für Deine Wollpullover lohnen, sind:

  • Gegen Pilling: Fusselrasierer
  • Gegen Motten: Duftkissen mit Lavendel oder Zedernholzblöcke
  • Gegen Flecken: Flüssiges Wollwaschmittel

Fusselrasierer für schöne Strickpullover

Eine Anschaffung, die sich auf jeden Fall lohnt, ist ein Fusselrasierer – damit raspelst Du die kleinen Knötchen, die sich mit der Zeit aus hervorstehenden Fasern bilden, einfach ab. Wenn Du ihn fertig bearbeitet hast, sieht der Strickpullover wieder frisch aus, das Pilling ist verschwunden. Gibt's im Internetz mit oder ohne Batteriebetrieb, oft auch gebraucht über die üblichen Kanäle.

Wolle vor Motten schützen mit Zeder und Lavendel

Leider lieben auch Motten echte Wolle. Ganz natürlich hältst Du sie fern, indem Du zwischen Deine Wollpullis kleine Holzblöcke aus duftendem Zedernholz oder Säckchen mit getrockneten Lavendelblüten legst. So gibt es hoffentlich nach der Sommerpause keine bösen Überraschungen, wenn der Wollpullover wieder rausgeholt wird. Kaufen: Im Bioladen oder Drogeriemarkt, mit Glück im Garten.

Handwäsche für Wollpullis

Einen Strickpullover aus Wolle brauchst Du eigentlich nie in die Waschmaschine geben – und das solltest Du auch nicht. Einfach auslüften reicht in der Regel, denn Wolle nimmt kaum Schweißgeruch an. Flecken einfach mit der Hand und etwas Feinwaschmittel im Waschbecken rauswaschen. Zum Trocknen dann den Wollpullover zunächst fest in ein Handtuch rollen um ihn schonend auszuwringen. Dann auf einem Handtuch auf den Wäscheständer im Liegen trocknen lassen – so verzieht sich das Gewebe nicht. Mehr Wollpflege-Tipps hier!

 

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