Materialkunde

Samt - Was steckt hinter dem festlichen Stoff?

von Anna | 06.12.2021

Anlässlich der feierlichen Jahreszeit stellen wir euch einen glänzenden Stoff vor: Samt. Ehemals in Werkstätten des Orients gefertigt, für Prunkgewänder verwendet und unerschwinglich für das einfache Volk, feiert weicher Samt ein modisches Comeback - auch in der Fair Fashion Welt. Zurecht, wie wir finden. Damit scheinst Du nicht nur zur Weihnachtszeit! Komm mit in die Welt der Stoffe.

Samt

Was ist Samt?

Hast du es gewusst? Samt ist kein Material an sich, sondern bezeichnet eine Webart. Er kann aus verschiedenen Fasern gewebt werden. Originär wurden Seide und Brokat für die Samtherstellung bevorzugt. Heute werden vor allem Chemiefasern wie Polyester oder Nylon sowie Baumwolle verwendet. Die Technik ist ausgefuchst: In einem Grundgerüst aus zwei Gewebeschichten werden Kettfaden zu Schlaufen verwoben. Diese Schlaufen werden später wieder getrennt und ergeben auf der rechten Warenseite den charakteristischen Faserflor. Im Vergleich zu Velours und Plüsch ist der Flor bei Samtstoffen am kürzesten. Die Florhöhe liegt zwischen einem und drei Millimetern. Der Flor ist es auch, der dem Samtstoff eine Strichrichtung gibt und ihm eine sehr weiche Haptik verleiht.

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Abbildungen: Flor am Beispiel eines Velourteppichs und Samtwebstuhl. Quelle: wikipedia

Prunk und Gloria: Wie kamen die Samtstoffe zu uns?

Prunk und Gloria: In Europa erfreute sich Samt seit dem späten Mittelalter großer Beliebtheit. Die robusten Samtstoffe wurden im großen Stil aus Persien importiert und in Italien weiterverarbeitet. Im 15. Jahrhunderts arbeiteten allein in Mailand 15.000 Samtweber. Dort und an den Textilstandorten Venedig, Genua und Florenz fand der Stoff vorrangig in Bezügen und Prunkgewändern Verwendung. Eine weitere bedeutende Samtweberei entwickelte sich im 17. Jahrhundert in China. In dieser Zeit fand das Know-How über die exquisite Webtechnik auch ihren Weg in die Niederlande, nach England und Deutschland. Samt symbolisierte den Adel und war als Klassensymbol den Wohlhabenden vorbehalten. Für den Normalsterblichen war Samt ein unerschwingliches Gut.

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Abbildung: Samtteppich. Velvet textile fragment, Italy 1600. Quelle: wikipedia

Was hat Nicki mit Samtstoffen zu tun?

Mit der Industrialisierung wurden Samtstoffe kostengünstiger. In den Golden Twenties feiert Samt in Form von Abendkleidern und Jackets Einzug in die Modewelt. In den sechziger Jahren kommt Nicki als Jersey-Stoff neu dazu und macht Samt in seiner Haptik und Textur Konkurrenz. Oben ist Nicki-Stoff flauschig, matt oder glänzend und samtig, während er auf der Rückseite glatt ist. Er schmiegt sich angenehm an die Haut und verliehrt kaum an Form. Gewoben wird der Stoff nicht mehr: Nicki ist jetzt ein Gewirke, das heißt Strickware, die durch Maschenbildung entsteht. Die samtartige Oberfläche bei Nicki-Stoffen kommt zustande, wenn ein extra Faden in normale Strickware eingebunden wird, der an der Oberfläche kleine Schlingen bildet. Beim Zerschnieden dieser Schlingen, entsteht durch die Masse der einzelnen Fädchen eine samtene Oberfläche. Die Textilmischungen aus Polyester und Nylon machten Nicki dehnbarer als Samt. Das vereinfacht die Verarbeitung und erhöht die Strapazierfähigkeit und den Tragekomfort. Ein schwarzer Nicki-Pullover gehörte in den Sixties in fast jede Garderobe! Und heute?

 

 

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Samtene Nicki-Wear von ARMEDANGELS - Piekfein oder lässig

Auch in unserem öko-fairen Sortiment findest Du aktuell samtene Nicki-Wear für Damen von ARMEDANGELS aus nachhaltiger Bio-Baumwolle. Die fairen Pullover, T-Shirts und Sweatpants lassen sich ebenso lässig an einem kalten Wintertag wie piekfein zum Fest tragen. Somit hat das Kölner Eco Fashion Label den samtenen Nickistoff zurück in unser Leben gebracht: Nicki is back!

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Wie geht nachhaltig samtig?

Für Samt wird in der Regel sechsmal soviel Garn verwendet als für durchschnittliche Textilien. Daher ist es umso mehr die verwendete Faser selbst, die entscheidet, ob Samt oder Nicki nachhaltige Stoffe sind. An Stelle der kostspieligen und wenig tierfreundlichen Seide, die ursprünglich zu edlem Samt gewoben wurde, werden heute weltweit bevorzugt kostengünstige und wenig umweltfreundliche Chemiefasern wie Polyester und Nylon verarbeitet. Das hat wenig mit Nachhaltigkeit zu tun. Aber gut zu wissen: Je ökologischer die verwendete Faser und je fairer und sozialverträglicher die Produktion sind, desto nachhaltiger ist in Summe der Samtstoff. In der Eco-Fashion-Welt ist Bio-Baumwolle, die aus kontrolliert biologischem Anbau stammt, der beliebteste Grundstoff für alles, was schimmert. Gelegentlich gibt es alternative, ökologisch wertvolle Mischungen mit Hanf oder Leinen oder Samt aus Recycling- und Upycycling-Verfahren.

Pflege und Tipps für Samt und Nicki

Echter Samt ist sehr empfindlich. Am besten wird er bei Verschmutzung nur mit einer weichen Bürste abgebürstet oder bei einer milden Handwäsche mit schonendem Feinwaschmittel gereinigt. Samt darf nicht gerieben und auf keinen Fall ausgewrungen werden. Zum Trocknen die Kleidung aus Samt auf einem trockenen Handtuch ausbreiten, das die Flüssigkeit aufsaugt. Da durch das Zusammenlegen Falten entstehen, die wenn es blöd kommt, zu Brüchen im Stoff führen können, empfiehlt es sich das Kleidungsstück anschließend auf einem Bügel hängend fertig trocknen zu lassen. Die gute Nachricht: Nicki ist im Vergleich zu Samt pflegeleicht und kann problemlos auch in der Waschmaschine gewaschen werden. Den Trockner solltest Du jedoch meiden.

Sind Samt und Nicki vegan?

Wenn in Samt Seide verwoben wurde, ist er nicht vegan. Werden hingegen Bio-Baumwolle, Hanf oder Leinen verwoben bzw. verstrickt, sind Samt oder Nicki vegan.

 

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